Das Teatro Sociale entsprang dem Ehrgeiz des Bürgertums von Rovigo im 19. Jahrhundert. Es waren die Jahre, in denen Rovigo, von der Serenissima an das Königreich Lombardo-Venetien übergegangen, Provinzhauptstadt wurde. Die Stadt suchte Orte des gesellschaftlichen und kulturellen Lebens, die ihrem neuen Rang entsprachen. Den Entwurf, ein Theater nach italienischer Art mit Logenrängen, erhielt der Architekt Sante Baseggio aus Rovigo. Der Saal öffnete am 3. März 1819 mit „L’ombra di Fetonte“. Die offizielle Einweihung folgte am 26. April mit „Adelaide di Borgogna“, die Pietro Generali eigens dafür komponiert hatte. Es war der Beginn einer langen Verbindung zwischen Rovigo und der Oper.
Aus den Flammen in den Jugendstil
1902 zerstörte ein Brand das Theater vollständig. Den Wiederaufbau übernahm der Mailänder Ingenieur Daniele Donghi, und der neue Saal öffnete 1904. In zwei Jahren erstand das Theater aus der Asche: Das Feuer hatte seine Bestimmung nicht ausgelöscht. Die Dekorationen des Paduaners Giovanni Vianello machten es zu einem der ersten Theater Venetiens im Stil des Liberty, wie der Jugendstil in Italien heißt. So entstand aus dem Verlust ein neues Gesicht, modern für seine Zeit, das bis heute das Publikum empfängt.
Die großen Stimmen
Für eine Provinzstadt ist die Liste außergewöhnlich. Auf dieser Bühne standen einige der größten Stimmen des 20. Jahrhunderts. Beniamino Gigli debütierte hier in Ponchiellis „La Gioconda“, kurz bevor Italien in den Ersten Weltkrieg eintrat. Renata Tebaldi gab hier 1944 ihr Debüt in Boitos „Mefistofele“. Maria Callas sang hier 1948 die „Aida“, und Luciano Pavarotti verkörperte 1962 den Herzog von Mantua im „Rigoletto“. Vier Namen, die genügen, um vom Ansehen dieser Bühne zu erzählen.
Seit 1967 trägt das Sociale den anerkannten Titel „Teatro di tradizione“, Traditionstheater. Seit über zwei Jahrhunderten bietet es Spielzeiten mit Oper, Tanz, Schauspiel und Jazz. Der Spielplan wechselt von Jahr zu Jahr, die Bestimmung bleibt dieselbe. Es ist eines der wenigen erhaltenen historischen Theater in einer Gegend, dem Polesine, die einst rund fünfzig zählte. Wer den Saal betritt, setzt sich dorthin, wo Rovigo zwei Jahrhunderte lang zum Zuhören kam.



